Der kleine Drache ohne Feuer

Drache

Hoch oben in den Wolkenbergen, wo der Schnee niemals ganz schmilzt und die Sterne besonders hell funkeln, lebte ein kleines Drachenkind namens Fumo. Fumo war anders als die anderen Drachenkinder. Er hatte keine glänzenden Schuppen in Gold oder Grün, sondern war ganz grau. Seine Flügel waren zu kurz, um weit zu fliegen, und das Allerschlimmste: Er konnte kein Feuer speien.

Die anderen Drachen übten Tag für Tag, spuckten Flammen in den Himmel, wärmten Felsen auf, oder brannten Muster in den Schnee, als Zeichen ihrer Kraft. „Feuer ist das Wichtigste!“, rief der Drachenälteste. „Ein Drache ohne Feuer ist wie ein Adler ohne Flügel.“ Fumo senkte den Kopf.

Er hatte es versucht. Immer wieder. Er hielt den Atem an, zählte bis zehn, brummte tief in seinem Bauch aber nichts. Kein Funke. Kein Glühen. Nur ein Kribbeln in der Nase. „Du bist nur ein kalter Wind!“, riefen manche der anderen Jungdrachen und lachten. Doch Fumo gab nicht auf.

Eines Nachts, als der Wind besonders stark wehte und die Sterne wie Eiskristalle funkelten, kroch Fumo aus der Höhle. Er fühlte sich traurig und allein. Er stapfte durch den Schnee, immer höher hinauf, bis zu einem alten Felsplateau, wo die ältesten Drachen ihre Spuren hinterlassen hatten. Dort stand ein Baum. Alt, knorrig, voller Raureif. Und unter dem Baum, eine kleine Gestalt. Ein Mädchen.

Fumo zuckte zurück. Menschen waren gefährlich, hatte man ihm gesagt. Aber dieses Mädchen zitterte. Ihre Lippen waren blau, ihre Augen halb geschlossen. „B-b-b-bitte“, flüsterte sie kaum hörbar. „W-w-w…warm“ Fumo sah sich um. Kein Feuer. Kein Holz. Und er konnte ja kein Feuer speien. Er wollte weglaufen. Doch dann erinnerte er sich an das, was seine Mutter ihm einmal gesagt hatte, als er noch ein Drachenei war: „Ein Drache beschützt. Ganz gleich, wie klein er ist.“

Also legte Fumo sich neben das Mädchen. Er rollte sich um sie, spannte seine Flügel aus, so gut er konnte, und deckte sie zu wie eine Decke aus Drachenhaut. Er atmete tief und obwohl keine Flamme kam, kam Wärme. Seine eigene Wärme.

Die ganze Nacht wachte er. Und als die Sonne über den Bergen aufging, öffnete das Mädchen die Augen und lächelte. „Du bist der freundlichste Drache der Welt.“ Am nächsten Tag kehrten sie gemeinsam ins Dorf zurück. Die Menschen wollten Fumo zuerst verjagen, doch als das Mädchen seine Geschichte erzählte, verstummten sie.

Und als die Drachen erfuhren, dass Fumo ein Menschenkind gerettet hatte, ganz ohne Feuer, nur mit Herz und Mut, da nickte selbst der alte Drachenälteste und sprach: „Vielleicht ist nicht das Feuer unsere größte Kraft. Sondern das, was in uns brennt, auch wenn man es nicht sieht.“

Fumo wurde nie der größte oder lauteste Drache. Aber alle Drachenkinder hörten seine Geschichte – und wussten: Man muss nicht brennen, um stark zu sein.

Was wir aus der Geschichte lernen können:
Es ist nicht das, was andere in uns erwarten, was zählt sondern das, was wir wirklich sind. Auch ohne Flammen kann ein kleiner Drache Großes bewirken.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*