Der Schatten unter dem Bett

Schatten

Es war einmal ein Junge namens Miro, der hatte eine Angst, die er niemandem sagen konnte. Nicht, weil er nicht sprechen konnte – sondern weil er glaubte, niemand würde ihm glauben. Jede Nacht, wenn das Licht gelöscht war und der Mond durch das Fenster kroch, kam der Schatten. Er lag nicht in der Ecke, nicht im Schrank, nicht im Flur. Er war unter dem Bett. Miro hörte ihn atmen. Ein leises, schnelles Schnauben. Manchmal roch es nach feuchtem Fell. Und immer, wenn Miro mit dem Fuß aus Versehen zu nah an den Bettrand kam, zuckte er zurück, als würde etwas Unsichtbares danach greifen.

Er sprach nicht darüber. Nicht mit Papa, nicht mit Mama, nicht mit seiner großen Schwester. Denn er wusste: Schatten können verschwinden, wenn man sie auslacht. Aber sie werden größer, wenn man sie verdrängt. Und so lebte Miro jede Nacht mit der Angst. Und wurde tagsüber immer stiller. Müder. Unkonzentrierter.

Seine Lehrerin sagte: „Du träumst zu viel.“
Sein Vater sagte: „Du wirst doch nicht feige?“
Und seine Schwester sagte: „Pfft. Unter dem Bett? Da sind nur Staubmäuse!“

Aber Miro wusste: Etwas war da. Eines Abends, als der Wind draußen wütete und der Regen wie Finger an die Fensterscheiben trommelte, war Miro plötzlich wütend. Nicht auf den Schatten – sondern auf die Angst. „Wenn ich sowieso nicht schlafe“, sagte er laut in die Dunkelheit, „dann will ich wenigstens wissen, wovor ich Angst habe!“

Er holte seine Taschenlampe. Er hielt sie fest wie ein Schwert. Und mit zitternden Knien kroch er ans Bett – und leuchtete darunter. Da war er. Der Schatten. Aber er war nicht groß. Nicht schrecklich. Kein Monster mit Krallen. Sondern: ein kleiner, zusammengekauerter, dunkler Knäuel, der zitterte. Zwei Augen blickten ihn an, traurig. Fast wie von einem verängstigten Tier. „Wer… bist du?“, flüsterte Miro.

Der Schatten antwortete nicht. Aber in Miros Kopf klang plötzlich ein Gedanke: „Ich bin deine Angst. Ich werde nur größer, wenn du mich nicht anschaust.“ Miro kroch noch ein Stück näher. Und je näher er kam, desto kleiner wurde der Schatten. „Ich dachte, du willst mir weh tun“, sagte Miro. Die dunkle Gestalt zuckte. Und dann – ganz leise, flüsterte sie zurück: „Ich wollte dich nur warnen. Doch du hast mich nie gefragt, wovor.“

Miro setzte sich. „Wovor dann?“ Der Schatten schwieg lange. Dann: „Vor dem Alleinsein. Vor dem Verlieren. Vor dem Nicht-genug-sein.“ Miro nickte. „Ich hab das oft gedacht.“ Die Taschenlampe flackerte. Aber der Schatten war fast durchsichtig geworden. „Und was mache ich jetzt mit dir?“, fragte Miro. „Nimm mich mit“, sagte die Angst. „Aber lass mich nicht mehr bestimmen, wohin du gehst.“

Am nächsten Morgen wachte Miro auf. Er sah unter das Bett. Da war nichts mehr. Aber er wusste: Die Angst war noch da, in ihm. Nur kleiner. Ruhiger. Und sie rannte nicht mehr voraus. Sie ging neben ihm.

Was wir aus der Geschichte lernen können:
Angst wird kleiner, wenn wir ihr ins Gesicht sehen. Sie ist oft kein Monster, sondern ein Teil von uns, der gesehen werden will, nicht um uns zu lähmen, sondern um uns aufmerksam zu machen.

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